Museumswesen - Neue Museen
Dr. Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger, Bezirk Oberfranken:
Grußwort zur Eröffnung des Fichtelgebirgsmuseums Wunsiedel
26.3.2004
Ende 90, das ist für einen Menschen ein biblisches Alter. Auch für ein kulturgeschichtliches, für ein Heimatmuseum ist das ein stattliches Alter. 1907/08 gegründet, gehört das Fichtelgebirgsmuseum in dieser Kategorie zu den acht ältesten Museen in Oberfranken.
Aber das Fichtelgebirgsmuseum ist nicht gebrechlich, nicht senil, es ist, wie wir heute spüren, quicklebendig. Es ist modern, nicht nur, weil es um einen neuen Teil erweitert wurde. Es ist als Modell modern.
Die meisten vergleichbaren Museen, die seit 1903 in Oberfranken entstanden sind und weiter entstehen, sind kleine Heimatmuseen, die allein einen Ort in seinem historischen Wesen nachzeichnen wollen. Zumindest haben sie den Anspruch, doch anstatt Typisches, Charakteristisches für Ort und Umland zu präsentieren, finden wir oftmals Austauschbares: Dreschflegel und Butterfaß, Schmiedehammer und Schusterwerkstatt, Patenteller und Reservistenkrug. Die Vielzahl von Museen, über die wir verfügen, ist erfreulich, aber nicht nur erfreulich. Unter den rund 200 Einrichtungen in Oberfranken sind die allerwenigsten fachmännisch (oder fachfraulich) betreut, und selbst unter diesen sind keine zehn, die wesentlich über das Tagesgeschäft hinaus wissenschaftlich arbeiten können, wie es eigentlich sein sollte.
Wunsiedel ragt da in der Kategorie, der es angehört, heraus, weil es von vornherein von Albert Schmidt und den anderen Gründerpersönlichkeiten nicht so sehr als Orts-, vielmehr als Regionalmuseum gegründet worden ist und weil es bei seiner Sammeltätigkeit nie einen Kirchturmhorizont besaß.
Freilich, damit tat und damit tut sich mancher Geber schwer, der seine Stücke lieber am Ort ließe. Und das, was wir heute beobachten, die unüberschaubare Vielzahl, das ist so neu nicht, das begann schon vor 70 Jahren zu entstehen, und der große bayerische Museologoe Josef Maria Ritz hat dagegen Stellung bezogen: "Das Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel [...] ist [...] bestrebt, die geschichtliche Kultur des Fichtelgebirges, wie sie auf Grund der geographischen Bedingungen erwuchs, darzustellen. [...] Die Bemühungen waren [...] von Erfolg begleitet, und das Wunsiedler Museum gehört zu den bedeutenderen Heimatmuseen des bayerischen Landesgebietes. Indes ist seine Entwicklung durchaus noch nicht abgeschlossen und es bedarf noch des systematischen Sammelns, um namentlich das volkskundliche Bild der einzelnen Gegenden des Fichtelgebirges noch vollständiger zeichnen zu können. Die Absicht hiezu ist bei der Museumsleitung vorhanden. Die Durchführung begegnet neuerdings dadurch Schwierigkeiten, daß in verschiedenen kleinen Orten Museen oder ,Heimatzimmer' entstehen u. daß gegen das Sammeln des Fichtelgebirgsmuseums [...] Stimmung gemacht wird. Von solchen kleinen Ortssammlungen oder von der Absicht, solche zu gründen, wird uns u. a. für Brand, Bischofsgrün, Selb, Marktredwitz, Münchberg, Mitterteich, Wiesau, Rehau, Kirchenlamitz berichtet. Durch eine solche zu große Zersplitterung und solchen allzu engen Heimatstandpunkt wird die Entwicklung eines wirklich guten und vollständigen Fichtelgebirgsmuseums gehemmt, ohne daß die Vielzahl der Einzelsammlungen dafür einen Ersatz böte."
Ein klares Votum also für das Regionalmuseum. Und das gilt im Kern auch heute: Wir brauchen nicht mehr Museen, wir brauchen bessere Museen. Zu den besseren gehört Wunsiedel längst, und heute ist es noch ein gutes Stück besser geworden.
Dazu kann man Sie nur beglückwünschen, und das tue ich namens des Bezirks Oberfranken, namens der Arbeitsgemeinschaft oberfränkischer Museen und Sammlungen und ganz persönlich. Ich gratuliere Ihnen insonderheit, daß Sie in Zeiten knapper Kassen die erforderliche Kraft hierfür aufgebracht haben, in einer Zeit, da kulturelle Institutionen immer häufiger auf dem Prüfstand stehen. Machen Sie sich aber auch klar: Das Museum wird weiterhin Geld kosten, und wer meint, man könne, weil es ja jetzt "fertig" sei, auf Personal, zumal auf Wissenschaftler verzichten, der irrt. Das wäre, als würde man einen Ferrarri kaufen, aber dann aus Sparsamkeit aufs Tanken verzichten.
Machen Sie sich klar: Auch wenn ein Museum, indem es Besucher anzieht, greifbaren Nutzen für Stadt und Region bringt - es wird doch immer ein "non profit center" bleiben, um den früheren Wissenschaftsminister Hans Zehetmair zu zitieren. "non profit" - das stimmt aber nur, wenn man Profit allein materiell mißt.
Dieses Museum bringt Profit, aber der eigentliche Gewinn ist nicht ohne weiteres in Euro und Cent meßbar. Wir alle tragen Geschichte mit uns herum, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht, unsere persönliche Geschichte und die Geschichte der Gruppen, denen wir angehören. Deshalb verstehen wir uns besser, deshalb verstehen wir den Menschen besser, wenn wir unsere Geschichte kennen. Geschichtsvermittlung ist ein sozialer Auftrag, ist soziales Handeln, ist für eine wirklich menschliche Gesellschaft unverzichtbar. Und das geschieht hier, hier im Gedächtnis des Fichtelgebirges