Museumswesen - Neue Museen
Dr. Günter Dippold:
Festansprache zur Eröffnung des NordJuraMuseums Weismain
Weismain, 14.5.2004
"Weismain ist unbestritten die Hauptstadt des nördlichen Juras."
Der Gendarm Heinrich Meyer, ein ambitionierter Heimatforscher, schrieb diesen Satz 1929, als er versuchte, den Weismainern Mut zu machen. Die drohende Aufhebung des Amtsgerichts und des Finanzamts - letzteres hier, im Kastenhof, untergebracht -, das trieb damals die Weismainer um. Aber die Ursachen für das Krisengefühl lagen tiefer. Weismain befand sich - etwas zugespitzt - seit Jahrhunderten in einer Dauerkrise. Ausgangspunkt dieser Lage und dieser Befindlichkeit war der Dreißigjährige Krieg.
Ein solcher Zustand war weiß Gott nicht vorgezeichnet, war Weismain doch ein alter Mittelpunktsort. Hier liefen Fernwege zusammen, hier kreuzten sie die Krassach und die Weismain. Der große karolingerzeitliche Friedhof, der vor Jahrzehnten im Hundschich ergraben wurde, ist Beleg für den Rang dieses Urweismain. Und nahe dieser Siedlung gründeten, wohl um 1230 herum, die Andechs-Meranier eine Stadt. An einer Ecke der Stadtmauer legten sie ihre Herzogspfalz an, auf dem heutigen Gelände des Kastenhofs. Wie der König mit seinem Hof durchs Reich zog, die Vorräte der einzelnen Städte, Klöster, Bischofssitze nach und nach aufzehrend, so hatten auch die Andechs-Meranier nicht eine Hauptstadt, sondern einige. Weismain aber war unter den Herzogsstädten nicht die geringste, dreimal urkundete hier Herzog Otto II., der letzte Meranier, nirgends häufiger; von hier, vom heutigen Kastenhof aus regierten die letzten Herzöge ihr bayerisch-fränkisch-tirolisch-istrisch-burgundisches Reich. Eine bedeutsame Ära für Weismain, und die Bedeutung der Stadt dauerte an. Ein Rundgang durch den Ortskern macht bis heute deutlich, wann die große Zeit von Weismain war: im 16. und frühen 17. Jahrhundert, als allen voran die Neydecker, aber auch die Senft und andere, mit ihnen versippte Familien sich stattliche Häuser erbauten, als die Pfarrkirche nach der Zerstörung im Hussitenkrieg neu erstand, als die Stadtsilhouette sich herausbildete, wie sie Weismain bis heute bestimmt. Der Dreißigjährige Krieg aber, dazu vielleicht Verlagerungen von Fernwegen in Spätmittelalter und früher Neuzeit, stürzte die Stadt und ihre Bürgerschaft in eine wirtschaftliche Krise, von der sie sich lange, sehr lange nicht erholte. Kein Wunder: Die Bevölkerung sank in den 1630ern binnen weniger Jahre um 70 Prozent, die Zahl der Wohnhäuser um über 60 Prozent, und von einst 120 Scheunen gab es 1654 noch ganze drei. Ein gutes Jahrhundert später erlitt die Stadt erneut schwere Schläge, im Siebenjährigen Krieg, als 1757 die Vorstädte restlos niederbrannten. Und zu allem Elend hatte Weismain noch einen schlechten Ruf, weil hier in den 1670er Jahren vermeintliche "Hexen" ihr Unwesen trieben. Es gebe "mehr Hexen alß ehrliche Leuth in Weißmain", konnte man hören. Aus Weismain ist denn auch die Hinrichtung einer "Hexe" und ihres "Schülers" im Jahr 1673 bezeugt, der letzte Hexenprozeß im Hochstift Bamberg mit tödlichem Ausgang. Eine krisengeschüttelte Stadt.
Die tonangebenden Bürger kehrten um so stärker die Rolle Weismains im Dreißigjährigen Krieg heraus. Gewiß, Kronachs Heldentaten waren weithin bekannt und waren offensichtlich gemacht worden: durch die Wappenmehrung, durch die Amtsketten des Bürgermeisters, durch den spanischen Habit der Ratsherren, durch das Vorrecht der Frauen, bei der Fronleichnamsprozession für den Männern zu gehen. Doch auch die Weismainer hatten Heldenmut bewiesen - und sie hatten, was Kronach nicht besaß. Denn es war den Bürgern 1641 gelungen, als eine schwedische Einheit sie belagerte, durch eine Kriegslist des Amtmanns von Niesten und durch einen beherzten Ausfall 14 Geschütze zu erbeuten. Das waren keine ganz modernen Waffen - ein Veteran aus dem Landshuter Erbfolgekrieg von 1504 war darunter. Aber wenn störte das? 14 Schwedenkanonen waren erbeutet!
An diesen Waffen richtete sich das Weismainer Selbstbewußtsein auf. Sorgsam wurden die Geschütze aufbewahrt und zuweilen als Böllerkanonen genutzt. So etwas hatten die Nachbarstädte nicht. Als 1731 der Fürstbischof in Staffelstein Station machte, mußten die Staffelsteiner die Kanonen von Weismain entleihen, um damit Salut zu schießen, und Gleiches taten die Lichtenfelser im frühen 19. Jahrhundert, als Kronprinz Ludwig von Bayern die Stadt passierte. Weismain fühlte sich dank dieser Kanonen als Heldenstadt, und das machte das Schicksal wohl erträglicher. Stolz schrieb Bürgermeister Reichard Fuchs um 1770 die Leiden und die Leistungen der Bürgerschaft im Dreißigjährigen Krieg zusammen; der Arzt Dr. Isaak Zenner gab diese "Königlich schwedische Kriegsbeschreibung" dann 1846 in Druck. Damals, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, konnte die Stadt noch ganz zufrieden sein. 1804, bei der Neustrukturierung der bayerischen Behördenstruktur, war Weismain Amtsstadt geblieben, war Weismain Sitz eines Landgerichts und eines Rentamts geworden, während Burgkunstadt, Staffelstein und auch Maineck ihren Charakter als Amtsort einbüßten. Doch dieser erhaltene Rang Weismains war nicht von Dauer, und er verdeckte auch, wie schlecht es Weismain ging. So schlecht, daß sich die Kommune 1818 als Ruralgemeinde einstufen ließ und nicht als Stadt im Rechtssinn; Weismain war Landgemeinde ebenso wie Kleinziegenfeld oder Neudorf. Bei der nächsten großen Behördenreform gehörte Weismain zu den Verlierern. 1862 erhielt die Stadt kein Bezirksamt, sondern wurde Lichtenfels zugewiesen, bewahrte lediglich ein Amtsgericht und das Rentamt, das nachmalige Finanzamt. Und nun, in den 20er Jahren, standen auch diese Behörden in der Diskussion. Verschlankung der Verwaltung hieß das Gebot der Stunde. Unübersehbar war Weismain hinter Lichtenfels zurückgeblieben, aber auch gegen Burgkunstadt weit zurückgefallen. Dann die Nachbarstadt war seit 1848 Bahnstation, während Weismain nicht einmal eine Stichbahn zu erlangen vermochte. Burgkunstadt entwickelte sich ab 1888 zum "fränkischen Primasens", bot Aberhunderte von Arbeitsstellen in der Schuhindustrie. In Weismain griff die Industrialisierung erst spät Platz: Es gab die Wurstfabrik Kraus, die 1911 ein Dutzend Menschen beschäftigte, auch gab es ein paar über den Ort hinaus produzierende Brauereien; Püls hatte sechs, Obendorfer fünf Arbeiter. Das war kein Vergleich mit den Fabriken, mit den boomenden Orten Burgkunstadt, Altenkunstadt, Lichtenfels, Kulmbach. Selbst die Märkte, die Weismain einst Besucher aus weitem Umkreis verschafft hatten, büßten ihre weitreichende Funktion nach und nach ein. Johann Baptist Johannes konstatierte 1929, daß "die Händler nicht mehr so zahlreich kommen und [...] die Leute so wenig Kauflust zeigen". Und er setzte etwas melancholisch hinzu: "die Märkte von ehedem, sie sind dahin, denn auch die Kaufleute und Händler in den kleinsten Dörfern sind neuzeitlicher geworden und legen sich heute das bei, was der Mensch für den Alltagsbedarf braucht. Der Bauer ist also jetzt nicht mehr in dem Maße wie früher auf Messen und Märkte angewiesen." Der Dreißigjährige Krieg war allzu lange her, das Heldentum, sprich: jener günstige Moment im Jahr 1641 war längst verblaßt, um noch identitätsstiftende Kraft zu besitzen. So führten selbst die ehedem vielbestaunten Kanonen ein Dornröschendasein, allenfalls noch hin und wieder hervorgeholt zum Böllern. Obendrein hatte sich der ursprüngliche Bestand auf zehn Kanonen reduziert, sechs größere und vier kleinere, und zwei der zehn Kanonen waren überdies gesprungen. 1905 fiel der Blick des Bezirksamtes Lichtenfels auf diese historischen Waffen: "Die Stadtgemeinde Weismain besitzt eine Reihe alter Geschütze, welche in einem Stadel mangelhaft untergebracht, teilweise beschädigt und weiterem Herunterkommen ausgesetzt sind. Es wird zu erwägen sein, wie diese Geschütze wieder in Stand zu setzen und an geeignetem Ort in wirksamer Weise aufzustellen wären." Eine Aufstellung längs der Kirche, wie sie dem Bezirksamtmann offenbar vorschwebte, lehnte das Generalkonservatorium der Kunstdenkmäler und Altertümer Bayerns, der Vorläufer des heutigen Landesamts, ab, doch auch diese Behörde hielt eine "entsprechende Konservierung und Aufbewahrung der als historische Reminiszenz wertvollen 10 Geschütze" für "sehr wünschenswert". Sei das ins Auge gefaßte Schulhaus gebaut - das blieb allerdings ein Traum -, dann könne man sie ja im Rathaus ausstellen; einstweilen sollten sie in der Scheune bleiben. "Eine weitere Verwendung der Geschütze zu Salutschießen etc. müßte jedoch in Zukunft auf alle Fälle tunlichst hintangehalten werden, um die alten Rohre [...] vor der Gefahr des Zerspringens zu bewahren." 1907 griff der Bezirksamtmann die Sache erneut an; die Sprache war nun weniger verbindlich als zwei Jahre zuvor: "Es kann nicht gebilligt werden, wenn die im Besitz der Stadt befindlichen Geschütze noch länger in der Gemeindescheune weiterer Verwahrlosung ausgesetzt bleiben." Doch der Bürgermeister ließ das Amt kurzerhand wissen, dass "kein passender Platz gefunden wurde". Das Bezirksamt gab nicht nach. Die Kanonen könnten "sehr wohl in dem links vom Eingangsthore des Rathauses gelegenen Raume, in dem auch die Archivalien und alten Rechnungen der Stadt bereits aufbewahrt sind, untergebracht u. dortselbst ein kleines Lokalmuseum eingerichtet werden, das einen Anziehungspunkt der Fremden bilden wird. Das dort z. Zt. liegende alte Gerümpel wäre zu entfernen, der Raum zu tünchen, der Archivschrank abzulaugen u.s.w." Der Bürgermeister entgegnete zwar, der Raum sei ungeeignet, doch das Bezirksamt scheint unerbittlich geblieben zu sein. Denn acht Wochen später schrieb der Bezirksamtmann in einem Schreiben an das Generalkonservatorium der Kunstdenkmäler und Altertümer: "Die 10 Geschütze in Weismain werden nunmehr in einem neuerrichteten Lokalmuseum aufgestellt werden." Und einen weiteren Monat später urteilte die Lichtenfelser Behörde gegenüber der Regierung, es sei "sehr zu begrüßen [...], daß gerade eine im Allgemeinen so zurückgebliebene Stadt wie Weismain, die für die vitalsten Interessen eines Gemeinwesens so wenig Verständnis zeigt, ein, wenn auch bescheidenes, Lokalmuseum gegründet hat". Eine "zurückgebliebene Stadt", so erschien Weismain vor hundert Jahren den Behörden, eine Stadt, die auch kaum Halt mehr in ihrer Geschichte fand, so daß ein Museum, andernorts freudig gegründet, den Stadtvätern damals geradezu aufgenötigt wurde. Und so dämmerte es jahrzehntelang dahin, empfing keine Zuwendungen; es sei, so klagte Heinrich Meyer 1929, "nur ein schwacher Abklatsch der Seltenheiten, die [...] auf Böden und in Kammern verwahrt sind". Aufbauen müsse man das Museum, das war die zentrale Botschaft des Artikels, mit dem Heinrich Meyer versuchte, den Weismainern Mut zu machen. "Weismain ist unbestritten die Hauptstadt des nördlichen Juras. Mag Burgkunstadt, das fränkische Pirmasens, noch so rasch aufblühen, mögen Kulmbach und Lichtenfels als maßgebende Bezirks-Hauptstädte ihren Einfluß doppelt geltend machen, der Albbauer ist zäh und wandert unverdrossen die gleichen Wege, die vor ihm Ahn und Urahn gezogen sind. Von Wattendorf bis Buchau, von Burkersdorf bis Altenkunstadt, ja noch weiter hinaus bis ins Scheßlitzer und Hollfelder Land klingt der gute Ruf seiner Geschäftswelt [...]. Allerdings wie lange wird Weismain die führende Rolle noch spielen? Die neue Zeit, die das grüne Tal bisher in Frieden gelassen, rüttelt bereits an den Toren. Staatsvereinfachung heißt ihr Loswort. [...] Ein böser Schlag, so er wirklich geführt wird, der die ganze Alb in kultureller Hinsicht führerlos macht und die alte Amtsstadt zum Kirchdorf erniedrigt. Sollte der Verlust des Amtsgerichts und des Finanzamtes unabwendbar sein, dann ist es an der Zeit, daß sich das Bürgertum seiner anderen Werte besinnt, sich aufrafft und in der Schönheit der Heimat den Jungbrunnen findet, der den Verfall der ehrwürdigen Siedlung verhindert." Meyer wußte durchaus, wovon er redete, er kannte Weismain gut: Von 1919 bis 1923 war er hier als Gendarm stationiert gewesen, dann nach Küps versetzt worden. Tatsächlich kamen nach und nach die befürchteten Verluste: Weismain büßte Behörden ein, verlor Beamtenfamilien, und der Stadt ging Zentralität verloren. 1932 wurde das Finanzamt aufgehoben. Das Amtsgericht starb auf Raten: 1931 wurden die Aufgaben des Gerichtsvollziehers nach Lichtenfels verlagert, 1934 eine der beiden Richterstellen eingespart, 1943 das Gericht aufgehoben, und die nach dem Krieg errichtete Zweigstelle des Amtsgerichts Lichtenfels wurde schließlich 1959 geschlossen. Spät, im Grunde heute erst, folgt Weismain dem Rat Heinrich Meyers, über das kleine Museum hinauszugehen: "Eine Schau ließe sich schaffen, welche Zeugnis gäbe von der Geschichte Weismains, von der Lebensweise seiner Bewohner, ja überhaupt von altfränkischer Art und Sitte." Die Sprache ist nicht mehr unsere, gewiß. Aber in der Tat weist das Museum weit über die Stadt hinaus, inhaltlich und als Musterbeispiel für ein kulturgeschichtliches Museum. Das Museum, das wir heute eröffnen, hat dabei aber nicht die Funktion der alten Kanonen, auch wenn diese ein Leitobjekt bilden, die Paradestücke sind. Das Museum ist nicht dazu gemacht, durch die Erinnerung an längst vergangene Taten oder durch das Hochhalten der "großen Söhne" von Weismain Probleme der Gegenwart vergessen zu machen. Das kann heute auch nicht mehr sein. Das Museum zelebriert nicht das glorreiche Gestern, um vom Heute abzulenken. Das Museum hat vielmehr eine ganz gegenwärtige und eine in die Zukunft gerichtete Funktion: Es erschließt die Stadt Weismain, das Gemeindegebiet und das Umland. Es erschließt die Landschaft und die Siedlungen, indem es das historische Werden vorstellt, indem es auf geschichtlich begründete Besonderheiten verweist. In dem Raum, der sich der Frömmigkeit widmet, gestatten Sehschlitze einen Blick auf die Pfarrkirche und auf das Pfarrhaus. Der Besucher wird dazu bewegt, diese Bauwerke bewußt wahrzunehmen, genau hinzuschauen, und das Museum stellt das Erblickte in einen Zusammenhang. Diese Schlitze sollten Symbol für das Museum sein. Für die Aufgabe dieses Museums, Wissen zu vermitteln und Bewußtsein zu schaffen für die historisch gewachsene Vielfalt, für den kulturellen Reichtum der nördlichen Frankenalb und ihres Vorlands. Das Museum soll kein abgeschlossenes System sein, das mit der Außenwelt nichts zu tun hat. Das Museum soll vielmehr einladen, das innen Erkannte außen wiederzuerkennen. Man wird deshalb auch für die Zukunft darüber nachdenken können und müssen, wie man das Museum gleichsam nach außen verlängern kann. Wie man etwa die kleinen und die großen Denkmälern in der Stadt, in der Flur - manchmal vielleicht durch Tafeln, eher noch durch eine Publikation - erläutern kann. Man kann und soll darüber nachdenken, wie das Thema Mühle oder das Thema Wasser, das ja im Museum angerissen wird, wie es in der Herbstmühle am und im konkreten Objekt darzustellen wäre. Es bleibt also manches zu tun. Die Stadt Weismain hat sich mit dem NordJura-Museum einen dauerhaften Wert geschaffen. Das ist ein Grund zur Freude, und die Glückwünsche, die Sie, lieber Herr Bürgermeister Riedel, heute empfangen, als Repräsentant der Bürgerschaft und als Urheber des Projekts, dem das Museum ein Herzensanliegen war, diese Glückwünsche sind wohlverdient. Auch ich gratuliere Ihnen heute von ganzem Herzen. Die Stadt hat sich mit diesem Museum einen Wert geschaffen, wofür in erster Linie Frau Kollegin Göldner zu danken ist; mit ihr hat die Stadt eine umtriebige Museumsfachfrau in ihren Diensten. Die intensive Betreuung durch Herrn Kollegen Dr. Fuger von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, die gestalterische Kraft von Herrn Georg Dietz und seinem Team in architektonischen und innenarchitektonischen Fragen und von Peter Bäumel als dem Graphiker haben ihr Übriges getan. Ein Wert ist geschaffen, nun gilt es, diesen Wert zu erhalten und ihn eigentlich erst in Wert zu setzen. Wuchern Sie mit ihrem Pfund!
Werben Sie darum, daß das Museum besucht wird, und machen Sie es den Besuchern so einfach wie möglich, das Museum zu finden und ins Museum Einlaß zu finden. Achten Sie darauf, daß das Museum besuchenswert bleibt, daß es seinen Wert behält. Entwickeln Sie die Sammlung weiter, veranstalten sie Sonderausstellungen, und passen Sie die Dauerausstellung neuen Erkenntnissen und neuen Möglichkeiten an. Das Museum wird sich immer wieder ändern müssen, aber halten Sie dabei das heute erreichte Niveau, im Inhaltlichen wie im Formalen. Erfüllen Sie Ihr Museum mit Leben. Musealer oder historischer Purismus ist - und das sage ich bewußt als Historiker - Purismus ist unangebracht, das Museum darf nicht ein bloßer Tempel der geistigen Beschäftigung sein. Sprechen Sie den Verstand an, aber nicht nur den Verstand, sondern alle Sinne. Der Weg dahin ist eingeschlagen: Man sieht die Kanonen über eine Mauerbrüstung anders, als wenn sie auf Podesten stünden. Und lassen Sie, wie schon angesprochen, das Museum nicht an der Museumstür enden. Sorgen Sie dafür, daß das Museum zum Ausgangspunkt für Erkundungen des Ortes und seiner Umgebung wird. Die personelle und räumliche Verzahnung mit dem Fremdenverkehrsbüro ist dabei ein wichtiges, nachahmenswertes Element, und auch die räumliche Nähe zur Umweltstation kann und wird von Nutzen sein. Arbeit der nächsten Wochen, Monate, Jahre. Heute aber ist nicht die Zeit zu arbeiten, sondern die Zeit zu feiern. Liebe Bürgerinnen und Bürger von Weismain!
Freuen Sie sich über Ihr Museum, freuen Sie sich an Ihrem Museum! Heute und nicht nur heute.
Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Wer glaubt, heute, da das Museum eröffnet werde, da sei die Arbeit beendet, der irrt. Im Gegenteil: Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an. Das Weismainer Gemeinwesen hat in Zeiten knapper Kassen, von vielen Seiten unterstützt, die erforderliche Kraft aufgebracht, aus einem wenig attraktiven Heimatmuseum ein vorbildliches, weit ausstrahlendes Regionalmuseum zu gestalten. Das ist um so rühmenswerter in einer Zeit, da kulturelle Institutionen immer häufiger auf dem Prüfstand stehen. Aber machen Sie sich klar: Die Arbeit fängt jetzt erst an. Und: Das Museum wird weiterhin Geld kosten, und wer meint, man könne, weil es ja jetzt "fertig" sei, auf Personal, zumal auf Wissenschaftler verzichten, der zeigt nur, daß er von Museumsarbeit nichts versteht. Wer aber sogar öffentlich die Museumsleiterin als abzuwickelnde Arbeitskraft nennt und ihr "exorbitantes" Gehalt beziffert, der tut Unrecht, der handelt kaltschnäuzig und gedankenlos. Machen Sie sich klar: Auch wenn ein Museum, indem es Besucher anzieht, greifbaren Nutzen für Stadt und Region bringt - es wird doch immer ein "non profit center" bleiben, um den früheren Wissenschaftsminister Hans Zehetmair zu zitieren. "non profit" - das stimmt aber nur, wenn man Profit allein materiell mißt. Und wir wären armselig, wenn wir das täten. Dieses Museum bringt Profit, aber der eigentliche Gewinn ist nicht ohne weiteres in Euro und Cent meßbar. Wir alle tragen Geschichte mit uns herum, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht, unsere persönliche Geschichte und die Geschichte der Gruppen, denen wir angehören, und die Geschichte des Raums, in dem wir leben. Deshalb verstehen wir uns besser, deshalb verstehen wir den Menschen an sich besser, wenn wir unsere Geschichte kennen. Geschichtsvermittlung ist somit ein sozialer Auftrag, Geschichtsvermittlung ist soziales Handeln und ist für eine wirklich menschliche Gesellschaft unverzichtbar. Weismain hat den Auftrag angenommen und löst die Aufgabe bravourös. So wird Weismain heute wahrlich wieder zur "Hauptstadt des nördlichen Juras", zur Kulturhauptstadt dieses Raums.