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Pressemitteilungen
Gesundheit
| 08. Juli 2021

Strom gegen Depression

Hirnstimulationsverfahren und Ketaminbehandlung am Bezirkskrankenhaus Bayreuth

Eine Person liegt auf einem Krankenhausbett. Zwei Ärzte in weißen Kitteln befestigen am Kopf Kabel.
Elektrokrampftherapie gegen Depressionen (Foto: Sandra Zimmermann)

Nervenzellen kommunizieren über chemische und elektrische Prozesse. Sie lassen sich daher durch elektrische oder magnetische Impulse beeinflussen. So können bestimmte Bereiche im Gehirn aktiviert oder gehemmt werden. Auf diesen Prinzipien beruhende Hirnstimulationsverfahren werden vor allem im Bereich schwerer und schwer behandelbarer Depressionen, aber auch bei psychotischen Erkrankungen gute Erfolge erzielt. Das Zentrum für Neurostimulation und Ketaminbehandlung bietet am Bezirkskrankenhaus Bayreuth verschiedene Hirnstimulationsverfahren für die Abteilungen der Klinik, teilweise auch ambulant, an. Dr. med. Johannes Kornacher, Leiter des Zentrums, stellte die Verfahren vor.

Für Bezirkstagspräsident Henry Schramm ist es wichtig, deutlich zu machen: „Wir sind für die Menschen da, wir wollen das Leben von psychisch kranken Menschen verbessern und wir haben die Experten und auch die Kapazitäten hier vor Ort.“

Die Hirnstimulationsverfahren am Bezirkskrankenhaus Bayreuth erweitern das Angebot der Behandlungen in der Klinik. „Wir bieten damit den kompletten Standard an Behandlungen an“, betonte der Leitende Ärztliche Direktor der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken, Professor Dr. med. habil. Thomas Kallert. Alle gängigen Stimulationsverfahren sind am Bezirkskrankenhaus Bayreuth vorhanden. Auch für Dr. Kornacher ein wichtiges Signal nach außen, „wir haben einen Vollversorgungsauftrag und können jetzt alle schweren psychischen Störungen direkt vor Ort behandeln.“

Doch was steckt hinter den einzelnen Verfahren im Zentrum für Neurostimulation und Ketaminbehandlung?

Elektrokrampf- oder Elektrokonvulsionstherapie (EKT): Strom gegen Depression

Psychotherapie und Medikamente schlagen nicht bei jedem depressiven oder psychotischen Patienten an.  In solchen Fällen von sogenannter Therapieresistenz kann Patienten eine Elektrokrampftherapie helfen. Auch bei wahnhafter Depression, Depression mit starker Suizidgefährdung oder lebensbedrohlicher Katatonie erzielt man mit einer Elektrokrampftherapie gute, manchmal lebensrettende Erfolge.

Wie funktioniert das? Das Gehirn wird wenige Sekunden lang schwachen Wechselstromimpulsen ausgesetzt. Dadurch wird unter kontrollierten Bedingungen ein Krampfanfall ausgelöst. Der Patient ist bei der Elektrokrampftherapie unter Narkose, ein Medikament sorgt dafür, dass die Muskeln entspannt sind, der Patient sich also nicht verletzen kann.

Durch die Behandlung werden Nervenzellen neu verknüpft, das Wachstum bestimmter Nervenzellen wird aktiviert, Funktionsstörungen der Botenstoffe werden reguliert sich und im Gehirn starten Regenerationsprozesse. Man könnte fast sagen, die Elektrokrampftherapie ist wie das Drücken eines Reset-Knopfes für das Gehirn.

Grundsätzlich sind mehrere Behandlungen im vollstationären Rahmen nötig, häufig zehn bis 15. Erste Effekte sind bereits nach drei bis vier Behandlungen zu sehen. Meist sind die Patienten nach einer erfolgreichen Elektrokrampftherapie auch weiterhin auf Medikamente angewiesen, auf die sie nach einer erfolgreichen EKT dann oft längerfristig wieder besser ansprechen. In einem Teil der Fälle ist auch eine ambulante Erhaltungs-EKT über Monate von Vorteil.

Welche Nebenwirkungen gibt es? Nach einer Elektrokrampftherapie können Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten. Im Laufe nach der Behandlung kann es zu einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses kommen, die sich aber nach Abschluss der Behandlung in aller Regel wieder zurückbildet.

Magnetstimulation

Die Magnetstimulation erzielt bei depressiven Störungen als unterstützende Behandlung gute Erfolge, kann aber auch bei psychotischen Erkrankungen eingesetzt werden.

Wie funktioniert das? Bei der Magnetstimulation werden im Kopfbereich von außen gezielt starke Magnetimpulse auf bestimmt Gehirnregionen abgegeben. Dadurch wird die Aktivität vor allem oberflächennaher Nervenzellverbände, die aufgrund einer Depression in ihrer Aktivität verändert sind, nachhaltig positiv beeinflusst. Patienten mit magnetisierbarem Material im Kopf- und Halsbereich können nicht behandelt werden. Die Behandlung kann stationär oder – nach fachärztlicher Zuweisung – ambulant erfolgen.

Welche Nebenwirkungen gibt es? Die Stimulation kann ein leichtes Zucken auslösen, seltener haben Patienten während der Behandlung leichte Kopfschmerzen.

Vagusnervstimulation (VNS)

Die Vagusnervstimulation kann bei der Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, wenn Patienten auf andere Therapien schlecht ansprechen. In der Epilepsiebehandlung kommt sie bereits häufig zum Einsatz.

Der vom Gehirn ausgehende Vagusnerv reguliert ohne Zutun des Bewusstseins über vegetative Fasern die Funktion der Organe und sendet umgekehrt von dort Signale ins Gehirn. Über den Vagusnerv lässt sich damit Einfluss auf Fehlfunktionen des Gehirns nehmen.

Wie funktioniert das? Mithilfe von Elektroden wird der linke Vagusnerv im Bereich des Halses gereizt. Diese Elektroden sind durch ein Kabel ebenfalls mit einem Pulsgenerator verbunden, der im Bereich des Brustmuskels eingepflanzt ist – das gesamte Gerät befindet sich unter der Haut und gibt regelmäßig einen elektrischen Reiz an den Vagusnerv ab. Der Patient kann diesen Reiz selbst unterbrechen, wenn er ihn als störend empfindet.

Welche Nebenwirkungen gibt es? Selten treten Wundheilungsstörungen nach der Operation auf. Während der Stimulation sind Heiserkeit und Missempfindungen die häufigsten Nebenwirkungen. Der Stimulator wird nach Überweisung in eine neurochirurgische Klinik unter Narkose in einem kleinen chirurgischen Eingriff im Rahmen eines stationären Aufenthalts von eingesetzt. Die anschließende Einstellung der Stimulationsstärke erfolgt im Rahmen der ambulanten Behandlung in mehreren Terminen durch unser Stimulationszentrum.

Ketamintherapie

Ketamin ist ursprünglich ein Narkosemittel. Seit einigen Jahren wird es sehr erfolgreich bei der Behandlung von therapieresistenten Depressionen eingesetzt.  Die Ketaminbehandlung lindert Depressionen sehr rasch, allerdings muss die Behandlung anfangs zweimal pro Woche über mehrere Wochen durchgeführt werden, da die Wirkung der einzelnen Behandlung nur einige Tage anhält. Studien belegen, dass Ketamin auch speziell gegen suizidale Gedanken und Handlungsimpulse wirkt.

Wie funktioniert das? Mittels einer Infusion oder per Nasenspray wird dem Patienten Ketamin so verabreicht, dass es nicht zu einer Narkose, sondern lediglich leichter Schläfrigkeit kommt. Man geht von einer rasch einsetzenden Wirkung von Ketamin auf spezielle Botenstoffe und Regeneration spezieller Nervenzellengruppen im Gehirn aus, deren Funktion damit verbessert wird. Im Unterschied zu anderen Behandlungen wirkt Ketamin oft schon innerhalb von 24 Stunden.

Welche Nebenwirkungen gibt es? Während der Anwendung durch Infusion oder als Nasenspray können vorübergehend traumähnliche Bewusstseinsverschiebungen oder ein Gefühl des berauscht zu sein auftreten, die teils angenehm, teils unangenehm erlebt werden. Die Behandlung kann stationär oder – nach fachärztlicher Zuweisung – auch ambulant erfolgen.

Alle genannten Behandlungsverfahren wirken im Gegensatz zu psychotherapeutischen Behandlungen meist innerhalb weniger Wochen. Dr. Kornacher macht aber deutlich, dass nur eine Psychotherapie auf lange Sicht hilft. Sie ist damit in jedem Behandlungsplan unverzichtbar.


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