Sonderausstellung „Doppelt
stigmatisiert" im Klinikum Kulmbach

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden im Rahmen der sogenannten T4-Aktion Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen in Tötungsanstalten ermordet. Aus der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg betraf dies mehr als 400 Frauen und Männer. Den ersten zehn Opfer, die zudem jüdischer Abstammung waren, ist eine Sonderausstellung gewidmet, die am Montag, den 2. März um 16.30 Uhr im Foyer des Klinikums Kulmbach eröffnet wird. Interessierte Bürgerinnen und Bürger sind herzlich eingeladen, der Eintritt ist frei. Erarbeitet wurde die Ausstellung von der Kultur- und Heimatpflege des Bezirks Oberfranken.
Bezirkstagspräsident Henry Schramm wird die Ausstellung gemeinsam mit Landrat und Verbandsvorsitzendem Klaus Peter Söllner und Geschäftsführerin Brigitte Angermann eröffnen. „Wir stehen heute für eine Gesellschaft ein, die sich um die Schwächeren kümmert, für sie da ist und ihnen soweit wie möglich die Chance gibt, aktiv am Leben teilzunehmen. Diese Verantwortung wurde von den Nationalsozialisten nicht wahrgenommen, schlimmer noch: die Schwächsten wurden kaltblütig ermordet.“ Das „Nie-Wieder“, dem Deutschland aufgrund der Schrecken des Nationalsozialismus verpflichtet ist, sei für den Bezirk ein wichtiges Gebot im Hier und Jetzt, so Schramm.
Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold wird im Rahmen der Eröffnung die historischen Hintergründe erläutern. „Niemand kann die Verbrechen je ungeschehen machen und diejenigen, die Schuld trugen, sind lange tot“, so Dippold. „Was bleibt, ist die Verantwortung, an die Opfer jenes Mordens zu erinnern und die Verantwortung für das eigene Tun“, mahnte er. Die kleine Ausstellung bilde den Anfang für die überfällige Forschung zu Opfern, Tätern und den Vorgängen in Oberfranken.
Auf 21 Tafeln zeigt die Ausstellung Hintergründe und Informationen zu den schrecklichen Vorgängen ab 1939 auf: Heil- und Pflegeanstalten im vereinigten Regierungsbezirk Ober- und Mittelfranken wurden aufgelöst, die Patienten auf die entsprechenden Einrichtungen in Kutzenberg, Erlangen und Ansbach verteilt. Von Kutzenberg aus wurden im Rahmen der sogenannten T4-Aktion die Menschen busweise in Tötungsanstalten deportiert. Insgesamt wurden so zwischen September 1940 und Juni 1941 mehr als 400 Frauen und Männer aus Kutzenberg systematisch ermordet. Die meisten von ihnen wurden in Schloss Hartheim bei Linz zu Tode gebracht, wo mit einer Gedenktafel des Bezirks Oberfranken an ihr Schicksal erinnert wird. Proteste von Angehörigen und Kirchen stoppten im August 1941 das systematische Töten, doch viele Patienten starben weiterhin durch Mangelversorgung, der so genannten „Hungerkost“.
Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Rolle der Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der „T4-Aktion“, insbesondere mit Kutzenberg. Dabei ist ein zweifacher Zugang zum Thema möglich – wie eben auch die jüdischen Patientinnen und Patienten zweifach stigmatisiert waren: Einerseits aus „medizinischer“ Sicht, da bei den Patienten eine psychische Erkrankung diagnostiziert war, die nach nationalsozialistischer Ideologie eine Gefahr für die Volksgesundheit darstellte.
Andererseits aus rassenideologischer Sicht in Hinblick auf vermeintlich minderwertige „Rassen“, was zur Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung führte.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Biographien der ersten zehn Opfer, mit Namen und weiteren Informationen, zumeist aus ihren Patientenakten. Einige Opfer aus Oberfranken, die besser erforscht werden konnten, werden exemplarisch ausführlicher dargestellt. Soweit verfügbar werden auch Fotografien der Opfer, in würdiger Form, gezeigt. Historische Fotografien besonders aus der Anfangszeit der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg geben zudem Einblick in den Anstaltsalltag. Hinzu kommen Fotografien weiterer relevanter Orte und Abbildungen historischer Dokumente.
Ab kommender Woche ist die Ausstellung „Doppelt stigmatisiert. Jüdische Opfer der NS-Krankenmorde aus Kutzenberg“ im Foyer des Klinikums Kulmbach zu sehen. Die mobile Ausstellung hat bereits in Kutzenberg, Bamberg, Lichtenfels und Kronach Station gemacht, weitere Standorte in Oberfranken sind angedacht.
Die Ausstellung kann vom 3. März bis zum 10. April zu den üblichen Öffnungszeiten im Foyer des Klinikums Kulmbach besucht werden.
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